Interview mit Jeanne Lehair: „Ich liebe diesen Sport, aber ich liebe vor allem das Gewinnen!“
Seit sie das Trikot Luxemburgs trägt und die französische Nationalmannschaft hinter sich gelassen hat, ist Jeanne Lehair in eine neue Dimension vorgestoßen. Die charakterstarke Athletin aus Metz, die für Poissy startet, feierte 2025 ihren ersten WTCS-Sieg. Diesen Schwung will sie 2026 gegen die Besten mitnehmen. Ihr großes Ziel: die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles und die Wiedergutmachung für ihren frustrierenden Ausstieg in Paris 2024.
Jeanne, wie haben Sie die Saisonpause 2025/26 verbracht?
Ich habe meine Saison 2025 in Chile bei zwei Weltcups beendet und bin anschließend noch zwei Wochen dortgeblieben, um Urlaub zu machen. Wir waren in Patagonien und am Vulkan Osorno. Es war traumhaft. Im Jahr davor war ich in Bolivien, ebenfalls zum Wandern. Ich liebe es, mir beim Wandern die Beine zu zerlegen (lacht). Auch wenn ich mit meiner Trainingsgruppe in Font-Romeu bin, gehe ich normalerweise in der ersten Trainingswoche wandern und mache meine Beine komplett kaputt.
Wie haben Sie Ihre großartige Saison 2025 verarbeitet?
Ziemlich gut. Wenn eine Saison so läuft, lässt sich das leicht verarbeiten. Ich hatte 2025 nur ein schwaches Rennen, und ausgerechnet das war beim WTCS-Finale. Das hat meine Saison ein wenig getrübt. Aber im Grunde hatte ich in der vergangenen Saison nur ein schlechtes Rennen. Was die reine Leistung angeht, war es also eine unglaubliche Saison. Zwei Jahre lang war ich bei den WTCS-Rennen um das Podium herumgeturnt, wurde Vierte oder Fünfte, und ich hatte mir gesagt, dass ich 2025 gern mein erstes Podium holen würde. Am Ende waren es zwei Podiumsplätze und ein Sieg in Yokohama. Ich bin rundum zufrieden. Wenn ich sehe, dass erfahrene und hochklassige Athleten wie zum Beispiel Pablo Villaça in ihrer Karriere noch kein WTCS-Rennen gewonnen haben, obwohl er unglaublich stark ist, denke ich: Wenn ich irgendwann aufhöre, kann ich sagen, dass ich mindestens ein Rennen der Weltmeisterschaft gewonnen habe. So viele sind wir gar nicht, die das geschafft haben. Im vergangenen Jahr haben bei den WTCS-Rennen nur fünf Frauen gewonnen (Lisa Tertsch, Cassandre Beaugrand, Léonie Periault, Beth Potter und Jeanne Lehair, Anm. d. Red.). Zu diesem ziemlich exklusiven Kreis zu gehören, ist großartig.
Für Luxemburg zu starten und eine neue Trainingsstruktur kennenzulernen, hat mich von einer Last befreit ...
Was hat Ihrer Meinung nach dazu beigetragen, dass Sie gerade zu diesem Zeitpunkt auf höchstem Niveau den Durchbruch geschafft haben?
Seit 2021, also nach Corona, war ich schon immer nah dran. Der Wechsel in eine neue Trainingsgruppe, ein neuer Coach wie Paulo Sousa und der Start für Luxemburg haben eine große Rolle gespielt. Vor den Rennen hatte ich nicht mehr diesen enormen Druck. Es gab Menschen, die mir vertrauten, mich in eine gute Situation brachten, mich weitgehend in Ruhe ließen und mir keinen unnötigen Stress machten. Das hat mir sehr geholfen, mich leistungsmäßig zu entfalten. Ich liebe den Sport, aber ich liebe vor allem das Gewinnen. Das heißt nicht, dass ich immer gewinnen kann. Sport für die Gesundheit zu treiben, ist schön, aber das ist nicht mein Ziel. Genauso wenig möchte ich ein Rennen auf Platz 20 beenden, auch wenn mir das schon passiert ist und sicher wieder passieren wird ...
Vielleicht habe ich auch von der Dynamik nach den Olympischen Spielen 2024 profitiert, weil die Besten vermutlich etwas zurückhaltender waren. Deshalb freue ich mich so auf den Start in die Saison 2026: Dann werden wieder alle dabei sein, zum Beispiel Giorgia Taylor-Brown, die zu ihrer Bestform zurückfindet, und all die anderen. Ich habe das vergangene Jahr jedenfalls gut genutzt und hoffe, dass ich das diesmal auch schaffe, wenn alle zu 100 Prozent fit sind.
Wie würden Sie den Weg beschreiben, der Sie bis hierher geführt hat?
Meinen ersten Triathlon habe ich mit sechs Jahren gemacht. Ich bin meinem Vater gefolgt, der generell ein großer Fan und aktiver Sportler im Ausdauerbereich war. Er hat unter anderem am Raid Gauloises teilgenommen und später mit Triathlon angefangen.
Seitdem war mein Weg lang und „kurvenreich“. Die größte Herausforderung besteht darin, Jahr für Jahr konstant zu sein. Mein Erfolg 2025 ist eher das Ergebnis der Konstanz in den drei oder vier Jahren davor als einer magischen Formel, die ich gefunden hätte. Zuvor bin ich auch von Verletzungen nicht verschont geblieben, und die Trainingsbedingungen in Metz waren vermutlich ebenfalls nicht optimal. Später konnte ich Leistung bringen, weil ich in einem gesünderen und ruhigeren Umfeld war. Ich war viele Belastungen los, und zwangsläufig kamen dann auch die Ergebnisse. Ich habe versucht, alles Negative aus meinem Leben zu entfernen.
Sie haben auch die Staatsangehörigkeit gewechselt und starten nun für Luxemburg statt für Frankreich. Können Sie uns noch einmal erzählen, wie es dazu kam?
Im Jahr vor Corona ist leider mein Großvater gestorben. Kurz vor seinem Tod ließ er eine Bombe platzen: „Wisst ihr eigentlich, dass wir Luxemburger sind?“ 2020 hatte ich Zeit, weil ich wegen gesundheitlicher Probleme nicht trainieren konnte. Also dachte ich mir: „Wenn ich ohnehin nichts tun kann, kann ich diesem Hinweis ja einmal nachgehen.“ Ich fand tatsächlich Vorfahren und Geburtsurkunden und entdeckte, dass meine Mutter offiziell die luxemburgische Staatsangehörigkeit beantragen konnte. Danach galt das auch für mich. Ich habe lange darüber nachgedacht, denn ich hatte all meine Nachwuchsjahre für Frankreich bestritten. Außerdem lag mir die französische Mixed-Staffel sehr am Herzen, in der ich immer gute Leistungen gezeigt hatte. Ich habe viel abgewogen. Für Frankreich musste ich jedoch bis 2021 auf meinen ersten WTCS-Start warten, und in dieser Zeit hatte ich nicht die bedingungslose Unterstützung des französischen Verbands FFTRI. Also habe ich den Schritt gewagt und bin Luxemburgerin geworden. Und ich glaube, das hat mich von einer Last befreit ...
Mein Erfolg 2025 ist das Ergebnis der Konstanz in den drei oder vier Saisons davor.
Hat der Wechsel der Flagge das Verhältnis zu den französischen Athletinnen verändert? Ist es zwischen Ihnen jetzt entspannter?
Ich hatte nie wirklich ein Problem mit den anderen. Aber wenn man demselben Verband angehört und die Plätze begrenzt sind, kann es natürlich Spannungen geben. Wir haben uns gut verstanden, gleichzeitig weiß man aber, dass man die andere schlagen muss, wenn man selbst ihren Platz haben will. Das ist nicht immer einfach. Jetzt habe ich dieses Verhältnis überhaupt nicht mehr zu ihnen, und das macht die Beziehungen einfacher und entspannter. Bei den Rennen freue ich mich sehr, sie vor dem Start zu sehen. Oft komme ich ohne Coach oder sonst jemanden allein zu den Wettkämpfen, völlig auf mich gestellt.
Erzählen Sie uns von Ihrer Trainingsgruppe und ihrer Struktur.
Ich trainiere im Triathlon Squad unter Paulo Sousa, einem Portugiesen, der in den USA lebt. Die Gruppe ist in Monte Gordo in Portugal stationiert. Im Winter treffen wir uns dort. Den Sommer verbringen wir normalerweise in Font-Romeu. Den Rest des Jahres lebt und trainiert jeder in seiner Heimatstadt. Ich pendle zwischen Toulouse und Metz. Die Zusammensetzung der Gruppe hat sich etwas verändert, denn nach jedem Olympiazyklus hören einige auf (Anm. d. Red.: 2026 gehören Miriam Casillas, Roksana Słupek, Costanza Arpinelli, Cecilia Ramirez, Taylor Spivey, Maxime Hueber, Lucas Cambresy, Nicola Azano, Nathan Lessmann und Jeanne Lehair zur Gruppe). Es ist wirklich schön, mit Menschen aus allen möglichen Ländern zu trainieren. Dieser Mix der Kulturen ist enorm bereichernd, und regelmäßig kommt frisches Blut in die Gruppe.
Ich brauche den Triathlon nicht zwingend, um glücklich zu sein, auch wenn ich in meinem Sport derzeit rundum glücklich bin.
Für 2026 liegt Ihr Fokus also auf den WTCS-Rennen, dazu kommt vermutlich noch etwas Super League?
Ja, bei den WTCS-Rennen ist das so. Mein Ziel ist es, die Podiumsplätze und Siege bei den WTCS-Rennen zu wiederholen, hoffentlich mit einem erfreulicheren Finale als 2025. Vor allem möchte ich Punkte im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles sammeln.
Bei der Super League wurde das Format etwas verändert. Es gibt drei Qualifikationsrennen über die Sprintdistanz. Die „echte“ Super League, also das Finale, findet voraussichtlich auf Jersey statt und wird glücklicherweise im gewohnten Format ausgetragen. Ich muss sagen, dass mir das neue Format weniger gefällt. Ich kann aber direkt das Finale bestreiten, ohne durch die Qualifikationsrennen zu müssen.
An welchen Stellschrauben wollen Sie drehen, um weiter auf diesem Niveau zu performen?
Zunächst kann ich mich wohl in allen drei Disziplinen physiologisch weiterentwickeln, um schneller zu werden oder die Geschwindigkeiten, die ich bereits erreiche, länger halten zu können.
Außerdem muss ich mich bei den „Beach Starts“ unbedingt verbessern, denn so wird auch in Los Angeles gestartet. Ich habe kurze Beine. Wenn ich ins Wasser komme, reicht es mir schon bis zu den Hüften, während einige Athletinnen wie Cassandre erst knöcheltief oder bis zu den Knien im Wasser stehen ... Der Dolphin ist ebenfalls nicht unbedingt meine Stärke. Ich bevorzuge eindeutig den Sprungstart vom Steg.
Auf dem Rad wird das Feld immer stärker, deshalb werden die Gruppen auch immer größer. Und ich gebe zu, dass ich den anderen Athletinnen nur minimal vertraue. Die meisten finde ich im Feld extrem gefährlich. Deshalb fahre ich manchmal lieber am Ende der Gruppe. Oder ich muss mich auf dem Rad weiterentwickeln, um vorn in der Gruppe zu sein. Eine andere Möglichkeit wäre, im Wasser noch stärker zu werden, mich abzusetzen und in eine kleine Gruppe mit sieben oder acht Athletinnen zu kommen. Körperkontakt und das Gerangel im Feld machen mir keine Angst. Sorgen bereiten mir eher die abrupten und plötzlichen Linienwechsel. Deshalb fühle ich mich in einer großen Gruppe nicht wirklich sicher. Daran muss ich arbeiten, vielleicht auch mental ...
Welche Grenzen setzen Sie sich für die kommenden Jahre? Viele Kurzdistanz-Athletinnen wechseln auf die IRONMAN-70.3-Distanz. Ist das mittel- oder langfristig auch ein Ziel für Sie?
Ich habe diese Erfahrung über die längere Distanz bereits im vergangenen Jahr gemacht und beim IRONMAN 70.3 Valencia den zweiten Platz belegt. Das Rennen lag zwischen den WTCS-Rennen in Abu Dhabi und Yokohama. Auf dem Rad war ich nicht außergewöhnlich stark, was keine große Überraschung war. Dafür bin ich gut gelaufen, und insgesamt war es eine gute Erfahrung. Direkt danach dachte ich: Warum nicht bei den Weltmeisterschaften über diese Distanz starten? Letztlich machte der Termin der WM die Sache schwierig, und ich konnte nicht teilnehmen.
Auch in dieser Saison steht das nicht auf dem Programm. Es könnte durchaus interessant sein, aber ich möchte nicht antreten und völlig zerlegt werden. Genauso wenig möchte ich ohne spezifisches Training starten. Die lange Distanz ist deshalb vorerst kein kurz- oder mittelfristiges Projekt.
Nach den Olympischen Spielen 2028 werde ich 32 sein. Seit jeher möchte ich eine Familie gründen, Kinder haben, am liebsten mehrere. Ich werde also nicht ewig warten können (lächelt). Es gibt viele Beispiele von Athletinnen, die nach einer Schwangerschaft zu ihrer Bestform zurückgekehrt sind. Aber das hängt von sehr vielen Faktoren ab. Und Triathlon ist nicht unbedingt die Sportart, in der sich all das leicht vereinbaren lässt. Deshalb gebe ich bis Los Angeles 2028 alles. Danach kann ich mir ein ebenso schönes Leben außerhalb des Triathlons gut vorstellen. Ich brauche den Triathlon nicht zwingend, um glücklich zu sein, auch wenn ich in meinem Sport derzeit rundum glücklich bin. Eines ist sicher: Ich werde nicht im Triathlon bleiben, nur weil ich sonst nichts zu tun hätte.
UPDATE: In der ersten Saisonhälfte 2026 belegte Jeanne den dritten Platz beim Weltcup in Samarkand (KAZ), den dritten Platz bei der WTCS in Yokohama (JAP), den vierten Platz bei der WTCS in Alghero (ITA), den fünften Platz bei der WTCS in Quiberon sowie den achten Platz bei den WTCS-Rennen in Hamburg und London.
JEANNE LEHAIR IN KÜRZE
Geboren am 30. März 1996 in Metz
Nationalität: Luxemburgisch
Trainer: Paulo Sousa / The Triathlon Squad
Verein: Poissy Triathlon
Palmarès:
Siegerin der WTCS 2025 in Yokohama (JAP)
2. Platz bei der WTCS 2025 in Fréjus (FRA)
2. Platz beim IRONMAN 70.3 Valencia (ESP) 2025
Siegerin der Super League 2025, 2. Platz 2024 und 2023
Europameisterin 2023 über die olympische Distanz
5. Platz bei den Triathlon-Weltmeisterschaften 2024
Welt- und Europameisterin in der Mixed-Staffel 2015 mit dem französischen Team