Interview mit Marjolaine Pierré nach der IRONMAN-70.3-WM in Nizza: „Ich bin zufrieden, dass ich konstant gute Ergebnisse erziele“
© Pablo Blazquez Dominguez/IRONMAN

Interview mit Marjolaine Pierré nach der IRONMAN-70.3-WM in Nizza: „Ich bin zufrieden, dass ich konstant gute Ergebnisse erziele“

LB
Von Luc Beurnaux

Veröffentlicht am Mi., 16. September 2026

Aktualisiert am Do., 17. September 2026

Ihre Enttäuschung über Platz fünf bei der jüngsten IRONMAN-70.3-Weltmeisterschaft in Nizza war zunächst groß. Auf dem abschließenden Halbmarathon hatte Marjolaine Pierré das Podium vor Augen, bevor es ihr entglitt. Trotzdem ist die Französin zufrieden, erneut bei einem hochkarätigen Rennen auf Weltniveau unter den Top 5 gelandet zu sein. Mit gerade einmal 26 Jahren bestätigt die Salomon-Athletin, dass in den kommenden Jahren auf den IRONMAN-Distanzen mit ihr zu rechnen sein wird. Vor ihrer Abreise nach Hawaii zur nächsten IRONMAN-Weltmeisterschaft sprach sie mit triathlons.com über ihr Rennen in Nizza.

Marjolaine, unmittelbar nach der IRONMAN-70.3-Weltmeisterschaft in Nizza waren Sie sehr enttäuscht, das Podium verpasst zu haben. Wie fällt Ihr Fazit zu Platz fünf nach ein paar Tagen aus?

Ich bin immer noch enttäuscht. Es ist hart, so viel für einen bestimmten Tag zu trainieren und das gesteckte Ziel zu verfehlen. Für solche Rennen investieren wir 200 Prozent, verzichten auf vieles. Wenn es dann nicht so läuft wie erhofft, ist das schwer zu verkraften. Aber man relativiert die Dinge schnell. Es gibt Schlimmeres. Ich bin gesund, alles ist in Ordnung, ich konnte das Rennen bestreiten und bin trotzdem froh, dass ich die Weltmeisterschaft zu Hause in Nizza erleben durfte. Es ist ein bisschen wie am Ende einer Ferienfreizeit: Am Ende der Woche packt man alles zusammen und merkt, dass es vorbei ist und man sich von seinen Freunden verabschieden muss. Auch das mischt sich in die Enttäuschung hinein: das Gefühl, dass sich ein Kapitel schließt (*).

Was lief am Renntag also nicht rund?

Auf dem Rad fühlte ich mich an den Anstiegen nicht gut. Auf den flachen Passagen und in den Abfahrten, die ich mir wirklich gut eingeprägt hatte, lief es stark. Aber in den Anstiegen hatte ich keine Kraft, zumindest nicht die, die man braucht, um wirklich voranzukommen. Ich merkte, dass die Beine nicht richtig reagierten. Auf dem Col de Vence wollte ich deshalb gar nicht auf die Uhr schauen, obwohl ich diesen Anstieg regelmäßig im Training fahre. Genau das ist auch so frustrierend, wenn man die Strecke gut kennt: Man weiß ziemlich genau, was man an einem bestimmten Abschnitt leisten kann, und merkt im Rennen schnell, ob man im Soll liegt oder nicht.

Haben Sie eine Erklärung für den Energiemangel auf dem Rad?

Das lässt sich schwer erklären, ich hatte versucht, mich bestmöglich vorzubereiten. Zehn Tage vor dem Rennen hatte ich mir einen kleinen Virus eingefangen, wie das im Herbst oder am Ende einer Vorbereitung schon einmal vorkommt. Ich wusste, dass mein Körper noch damit kämpfte. Das sind Kleinigkeiten, die man zu kontrollieren versucht, aber nicht vollständig in der Hand hat. Wahrscheinlich kam eine ganze Reihe kleiner Faktoren zusammen, die zu diesem Energiemangel geführt haben.

Beim Laufen dachte ich an nichts anderes: stehen bleiben und mich hinlegen. Ich war völlig erledigt, mein Körper wollte einfach nur ein Nickerchen machen. An einige Abschnitte des Laufs kann ich mich überhaupt nicht erinnern.

Marjolaine Pierré
Marjolaine PierréFünfte der IRONMAN-70.3-WM 2026

Hat Sie dieses Gefühl auf dem Rad mental belastet, bevor Sie in den Lauf gestartet sind?

Nein, ich bin wirklich konzentriert geblieben. Ein Triathlon ist erst nach dem Laufen vorbei, und ich habe mir nie gesagt, dass das Rennen gelaufen sei. Ich habe weiter gekämpft und war froh, als Zweite in die Wechselzone zu kommen. Ich lag 4:30 Minuten zurück, das war also ziemlich viel, aber oben am Col de Vence waren es noch acht Minuten gewesen. Deshalb war ich mit mir zufrieden und wollte unbedingt weiterkämpfen. Als ich zum Laufen losging, wollte ich allerdings nur noch zusammenbrechen, so wie ich es im Ziel getan habe. Während des gesamten Halbmarathons dachte ich nur daran, stehen zu bleiben und mich hinzulegen. Ich war völlig erledigt. Es war keine Unterzuckerung, sondern eher eine allgemeine Erschöpfung, mein Körper wollte einfach nur schlafen. An einige Abschnitte des Laufs kann ich mich überhaupt nicht erinnern. Zum Beispiel weiß ich beim „ILOVENICE“-Schriftzug nicht mehr genau, ob ich an der Promenade oder auf der Straße vorbeigelaufen bin. Es war wie ein Aussetzer.

Hatten Sie solche Empfindungen schon einmal?

Nicht wirklich, abgesehen von einem Rennen, bei dem ich dehydriert war und anschließend kollabiert bin. Ich glaube, ich habe diesmal versucht, diese Grenze maximal auszureizen. Gleichzeitig verlor ich im Klassement Plätze, und dadurch war es mental natürlich schwierig, fokussiert zu bleiben. Ich hatte von diesem Podium geträumt und war bereits dort. Wenn es einem dann entgleitet, ist das schwer. Ich habe versucht, mich festzubeißen, um zumindest in den Top 5 zu bleiben.

Das Feld war außergewöhnlich stark und dicht besetzt. Konnten Sie den Kampf mit den anderen Athletinnen trotzdem genießen?

Nein, genau deshalb bin ich auch etwas enttäuscht. Ich konnte auf keinen Angriff reagieren. Als ich überholt wurde, fand ich nie richtig in den Kampf hinein, mir fehlten Energie und Durchschlagskraft. Ich war völlig „platt“. Bei diesem dichten Feld war es allerdings sehr schwer, die eigene Platzierung einzuschätzen, weil es so viele positive wie negative Überraschungen geben konnte. Trotzdem ist es gut, dass ich bei meinen Ergebnissen eine gewisse Kontinuität und Konstanz zeige.

Sie haben Ihre Vorbereitung auf Nizza erstmals mit einem fünfwöchigen Höhentrainingslager in Font-Romeu ergänzt. Welche Erkenntnisse nehmen Sie daraus mit?

Nur positive. Wir waren in einem spezialisierten Trainingszentrum und hatten dort sämtliche Anlagen an einem Ort. Sie waren montags bis sonntags von 8 bis 20 Uhr geöffnet, teilweise sogar von 6 bis 20 Uhr. Das ist in dieser Phase besonders angenehm, denn in Nizza muss man ins städtische Schwimmbad und ist an Öffnungszeiten und Schließtage gebunden. Wenn solche Einschränkungen zu den Anforderungen des Trainings hinzukommen, macht das den Alltag komplizierter. Es war deshalb sehr angenehm, diese Freiheit bei der Trainingsgestaltung zu haben. Außerdem ging es uns natürlich auch um die Effekte des Höhentrainings.

Führen Sie den Energiemangel im Rennen also nicht auf die Höhe oder die Rückkehr aus Font-Romeu ins Tal zurück? Man hört oft, dass dabei wenige Tage entscheidend sein können.

Es stimmt, man muss viele Höhentrainingslager absolvieren, um wirklich zu wissen, wie der eigene Körper darauf reagiert. Die Höhe hat bei der empfundenen Müdigkeit sicher eine Rolle gespielt. Ich glaube aber auch, dass der Virus meinen Formhöhepunkt wahrscheinlich verschoben hat. Es ist ein Zusammenspiel sehr feiner Faktoren, und man muss jeden einzelnen richtig steuern, um die Leistung und die Vorbereitung zu optimieren.

Sie sind erst 26, bald 27, und im Vergleich zu den Größen dieser Disziplin noch sehr jung. Gibt Ihnen das Zuversicht?

Ja, natürlich. Alle meine Konkurrentinnen haben deutlich mehr Wettkämpfe bestritten als ich, sind teilweise auf der olympischen Distanz gestartet und werden seit Jahrzehnten professionell betreut und begleitet. Ich hatte dieses Glück nicht. Ich habe mir alles selbst beigebracht, in den ersten Jahren keinerlei Unterstützung vom Verband erhalten und mich über meine Ergebnisse entwickelt. Zuerst musste ich Leistungen bringen, bevor ich Unterstützung beantragen konnte. Das dauert zwangsläufig länger. Im Grunde musste ich mir meine Leistungsstufen nach und nach erschließen.

Ich beginne gerade erst damit, meinen Laufumfang zu erhöhen. Bis dahin lag ich bei etwa 40 bis 50 Kilometern pro Woche, in Font-Romeu habe ich auf 60 bis 80 Kilometer gesteigert. Für mich war das eine Premiere, während meine Konkurrentinnen das seit Jahren machen.

Marjolaine Pierré
Marjolaine PierréFünfte der IRONMAN-70.3-WM 2026

Glauben Sie, dass Sie noch Luft nach oben haben? Und sehen Sie sich noch lange in der IRONMAN-Serie?

Ja, natürlich. Ich bin bei Weitem noch nicht am Limit dessen, was ich leisten kann. Mein Trainingsumfang ist keineswegs riesig. Das war eine bewusste Entscheidung, weil ich keine Entwicklungsschritte überspringen wollte. Es war fast schon zwingend, eine progressive Entwicklung zuzulassen und nichts zu überstürzen. Deshalb sehe ich mich noch am Anfang oder in der Mitte meiner Entwicklung. Das ist schön, weil ich noch vieles ausprobieren und umsetzen kann. Es muss aber zum richtigen Zeitpunkt und in die richtige Richtung gehen. Man muss also geduldig sein und akzeptieren, auch einmal geschlagen zu werden. Ich weiß, dass ich künftig sowohl an der Intensität als auch am Umfang arbeiten muss.

Wann werden Sie diesen Spielraum ausschöpfen?

Ich bin seit zwei Jahren von Ermüdungsbrüchen verschont geblieben. Deshalb haben wir in Font-Romeu begonnen, vor allem meinen Laufumfang zu erhöhen. Bis dahin lag ich bei etwa 40 bis 50 Kilometern pro Woche, nun waren es 60 bis 80. Für mich war das eine Premiere, während meine Konkurrentinnen das seit Jahren machen. In diesem Bereich habe ich etwas aufzuholen, aber ich beginne jetzt, den Schwerpunkt darauf zu legen.

Sie sprechen von den zahlreichen Ermüdungsbrüchen der vergangenen Jahre. Wie und warum ist es dazu gekommen, und glauben Sie, das inzwischen hinter sich gelassen zu haben?

Das begann 2021, als ich während der Corona-Zeit mit Triathlon anfing. Ich hatte keine Ahnung und trainierte immer mehr. Eigentlich nur zum Spaß, zusätzlich zu meinem Studium zur Steuerberaterin. Schon bald geriet ich in ein Energiedefizit und meine Menstruation blieb aus. Ich dachte, sie würde wieder einsetzen, und beschäftigte mich irgendwann nicht mehr richtig damit. Ich hatte zu viele Dinge gleichzeitig am Laufen, keine Zeit mehr für mich und dafür, wahrzunehmen, was in meinem Leben und in meinem Körper passierte. Ich war ständig im Beschleunigungsmodus und machte nie eine Pause. Ich verlor viel Gewicht, bekam Ermüdungsbrüche, litt unter Amenorrhö und entwickelte eine Essstörung. Alles hing zusammen. Ich musste erst verstehen, wie meine Hormone funktionieren und woran ich gute oder schlechte Form erkenne. Das war ein langer und sehr lehrreicher Prozess, und ich habe viel Zeit verloren. Oder vielleicht habe ich in Wirklichkeit Zeit gewonnen, weil ich mich heute viel besser kenne. Ich habe außerdem gelernt, Wettkämpfe ohne ausreichendes Training zu bestreiten, und das hat meine mentale Stärke gefestigt.

Im vergangenen Jahr hat mich das Ereignis IRONMAN Hawaii überwältigt. Dieses Jahr möchte ich mit mehr Leichtigkeit dorthin zurückkehren.

Marjolaine Pierré
Marjolaine PierréFünfte der IRONMAN-70.3-WM 2026

In weniger als einem Monat stehen Sie voraussichtlich an der Startlinie der IRONMAN-Weltmeisterschaft in Kona, Hawaii. Welche Ziele haben Sie?

Nach und nach werde ich in den kommenden Tagen wieder wichtige Einheiten aufnehmen, die mich zurück nach Kona bringen. Ich werde die Trainingsbelastung behutsam steigern, längere Einheiten absolvieren und viel Hitzetraining einbauen, um mich an die Wärme und Luftfeuchtigkeit auf Hawaii zu gewöhnen. Das ist dort ein sehr wichtiger Faktor. Gleichzeitig muss ich mich von Nizza erholen. Da ich mich nicht besonders gut gefühlt und nicht alles ausgereizt habe, bin ich mit meiner Regeneration letztlich ziemlich zufrieden. So kann ich vor der Reise nach Kona noch zwei gute Trainingswochen absolvieren und mich dort akklimatisieren.

Was nehmen Sie aus Ihrer Hawaii-Erfahrung im vergangenen Jahr mit?

Es war ein sehr hartes Rennen. Körperlich war ich zwar in guter Verfassung, aber das Ereignis hat mich überwältigt (**). Ich glaube, dass es sehr schwierig ist, beim ersten Versuch erfolgreich zu sein. Ich möchte unbedingt zurückkehren, diesmal mit mehr … Leichtigkeit, würde ich sagen?

Liegen Ihnen das Streckenprofil und die Atmosphäre des Rennens?

Ja, das erinnert mich an La Réunion, wo ich aufgewachsen bin. Ich liebe die Wärme und habe immer unter heißen Bedingungen trainiert, das macht mir nichts aus. Die Radstrecke in Kona ist sehr hart, auch wenn sie insgesamt recht schnell ist. Ich mag schnelle Passagen ebenfalls: Ich bin nicht nur eine Kletterin. Ehrlich gesagt kann ich es kaum erwarten, dort zu starten.

(*) Nizza sollte ursprünglich 2028 und 2030 Gastgeber der IRONMAN-70.3-WM sein. Nach einer Haushaltsentscheidung des neuen Stadtrats wird es dazu nicht kommen.

(**) Sie belegte den 32. Platz in der Frauenwertung.

Marjolaine Pierré im Kurzporträt

Geboren am 29. Oktober 1999 in Reims

  • Zweifache Siegerin des IRONMAN 70.3 Pays d’Aix 2025 und 2026

  • Siegerin des IRONMAN Portugal 2023

  • Zweifache Weltmeisterin im Triathlon über die Langdistanz von World Triathlon 2023 und 2025

  • Vierte des IRONMAN Hamburg 2026

  • Fünfte der IRONMAN-70.3-WM 2026 in Nizza

  • Vierte der IRONMAN-WM 2024 in Nizza

  • Fünfte der IRONMAN-70.3-WM 2025 in Marbella

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