Interview mit Triathlon-Weltmeisterin 2026 Cassandre Beaugrand: „Im Kopf bin ich nicht mehr dieselbe“
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Interview mit Triathlon-Weltmeisterin 2026 Cassandre Beaugrand: „Im Kopf bin ich nicht mehr dieselbe“

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Von Luc Beurnaux

Veröffentlicht am Mo., 28. September 2026

Cassandre Beaugrand hat ihre makellose Saison 2026 in Pontevedra (Spanien) gekrönt und in der World Triathlon Championship Series eine perfekte Bilanz erzielt. Fünf Siege in fünf Rennen, einschließlich des Finales, brachten ihr nach 2024 den zweiten Weltmeistertitel. Hinter dieser scheinbaren Dominanz stehen jedoch Zweifel, Druck, mentale Arbeit und ihr unermüdliches Streben nach Verbesserung. Am Tag nach ihrem Triumph sprach Cassandre Beaugrand ausführlich mit Triathlons.com.

Cassandre, inzwischen ist es fast Routine, Sie gewinnen zu sehen. Können Sie erklären, warum es sich für Sie ganz und gar nicht so anfühlt und wie Sie sich nach jedem Rennen immer wieder hinterfragen?

Hinter einer Leistung, die leicht aussehen kann, steckt in Wirklichkeit unglaublich viel Arbeit. Die breite Öffentlichkeit sieht nicht, wie oft man sich hinterfragt, welche Zweifel und welcher Druck dahinterstecken. Vor den Olympischen Spielen in Paris war das etwas eigenartig: Ich hatte bereits gute Ergebnisse erzielt und konnte Rennen gewinnen, aber es war noch nicht selbstverständlich, dass ich jedes Rennen gewinne. Heute ist das eher der Fall, und dadurch lastete bei den Rennen nach Olympia etwas mehr Druck auf mir. Ich kam mit einem anderen Status an den Start und hatte das Gefühl, jedes Mal abliefern zu müssen.

Letztes Jahr war das nicht einfach zu bewältigen, trotzdem habe ich einige sehr starke Rennen gemacht. In dieser Saison habe ich diesen Status meiner Meinung nach stärker angenommen und mehr Selbstvertrauen gewonnen, auch dank meiner Leichtathletik-Wettkämpfe. Ich weiß, dass nun deutlich mehr von mir erwartet wird, und damit umzugehen, ist manchmal schwierig. Man muss lernen, sich davon zu lösen. Das ist nicht gerade der einfachste Teil dieses Berufs.

Mit welcher Einstellung sind Sie zum Finale nach Pontevedra gereist? Voller Selbstvertrauen, aber mit einem kleinen Zweifel oder einer gewissen Anspannung?

Ich betreibe eine technisch geprägte Sportart, deshalb kann beim Material viel passieren. Auch ich bin vor einem Defekt nicht gefeit, wie im vergangenen Jahr. Vor diesem Finale war ich ein wenig angespannt, weil ich bis dahin bereits eine perfekte Saison hingelegt hatte. Für mich war es die Kirsche auf der Torte. Natürlich wäre ich enttäuscht gewesen, wenn ich meine Saison ausgerechnet in einem einzigen Rennen nicht hätte vollenden können.

Ich wusste genau, was ich wollte, aber in einem einzelnen Rennen kann so viel passieren. Ich wollte mit den bestmöglichen Voraussetzungen an den Start gehen und anpassungsfähig bleiben. Je besser man sich anpassen kann, desto besser läuft es in der Regel. Wir wissen alle, dass ein Rennen nie genau so verläuft, wie man es sich vorgestellt hat. Ich glaube, das ist heute vielleicht eine meiner Stärken. Ich kann mich auf die Taktik des Tages einstellen.

Haben Sie inzwischen das Gefühl, am Start eines Rennens das Ziel aller anderen zu sein, also allein gegen alle zu stehen?

Nein, nicht unbedingt, denn im Feld habe ich viele Freundinnen. Georgia Taylor-Brown, die hinter mir Zweite geworden ist, trainiert mit mir und ist eine sehr gute Freundin. Auch mit den Athletinnen des französischen Teams verstehe ich mich sehr gut. Ich habe nicht das Gefühl, gegen die anderen zu laufen oder ihre Feindin zu sein, und das ist sehr angenehm. Wir kennen uns alle sehr gut, auch wenn man mit manchen natürlich enger befreundet ist.

Mein Ziel ist, so wenige Schwächen wie möglich zu haben und so komplett wie möglich zu sein. Denn wenn man keine oder nur wenige Schwächen hat, kann man sich auf jede Situation einstellen.

Cassandre Beaugrand
Cassandre BeaugrandWeltmeisterin 2026

Die Britinnen haben in Pontevedra alles versucht, um Sie auf dem Rad mürbe zu machen. Wie haben Sie das erlebt?

Zunächst einmal waren sie zu acht am Start. Dadurch haben sie natürlich das Rennen geprägt, zumal einige von ihnen besonders stark im Wechsel vom Schwimmen aufs Rad sind. Die Athletinnen mit diesem Profil wollten ihre Chance nutzen, haben sich zusammengetan und versucht, sich abzusetzen und die besten Läuferinnen aus der Gruppe zu eliminieren. Ich glaube aber, dass ich auf dem Rad den nächsten Schritt gemacht habe und mich dort immer stabiler fühle. Mein Ziel ist, so wenige Schwächen wie möglich zu haben und so komplett wie möglich zu sein. Denn wenn man keine oder nur wenige Schwächen hat, kann man sich auf jede Situation einstellen.

Mussten Sie mental daran arbeiten, mit dem Druck umzugehen, den Ihr neuer Status mit sich brachte?

Ich habe zunächst versucht, mich selbst von einigen Dingen zu überzeugen und mich besser zu verstehen. Zum Beispiel, dass meine Identität nicht ausschließlich mit meinen sportlichen Ergebnissen verbunden ist, sondern dass ich auch unabhängig davon eine eigene Person bin. Meine Ergebnisse sind natürlich ein Teil von mir, aber sie spiegeln nicht meine gesamte Identität wider. Als Sportlerin wird man oft auf seine Resultate reduziert. Dabei wollen auch wir zu Hause nicht ständig über unsere Arbeit sprechen oder danach beurteilt werden, was wir bei der Arbeit geleistet haben.

Ich möchte gute Leistungen bringen und bin deshalb enttäuscht, wenn es nicht klappt. Schwieriger wird es allerdings, wenn daraus eine Erwartung von außen wird. Das habe ich in diesem Jahr besser verstanden. Einige Menschen in meinem Umfeld haben mir wohl Botschaften mitgegeben, bei denen es Klick gemacht hat. Aber ich bin ein Dickkopf, deshalb dauert es manchmal, bis etwas wirklich ankommt. Ich glaube, ich verstehe immer besser, warum ich die Dinge tue. Das hat mir geholfen, mit diesem Druck umzugehen.

Früher dachte ich manchmal, das Rennen sei gelaufen, wenn der Anfang schlecht lief. Heute gibt es in mir einen Teil, der sagt: Es kann noch alles passieren. Solange ich die Ziellinie nicht überquert habe, ist es nicht vorbei.

Cassandre Beaugrand
Cassandre BeaugrandWeltmeisterin 2026

Sie haben vorhin von Anpassungsfähigkeit gesprochen. Hatten Sie für das Finale eine konkrete Strategie, die Sie umsetzen konnten, oder mussten Sie sich dem Rennverlauf anpassen?

Ich möchte anpassungsfähig sein, um im richtigen Moment die richtigen Entscheidungen treffen zu können. In diesem Finale habe ich mich aber stärker an die Vorgaben meines Trainers gehalten. Er hatte mir gesagt, ich solle auf der muskulär anspruchsvollen Strecke nicht überziehen. Ich sollte weder zu viele Körner lassen noch zu einem bestimmten Zeitpunkt des Rennens überpacen. Das Ziel war, möglichst viel Energie für das Ende aufzusparen.

Vielleicht habe ich in jedem Abschnitt etwas weniger Energie eingesetzt. Wenn man sich gut fühlt, ist das ein wenig frustrierend. Aber ich wusste, dass das Rennen lang werden würde. Deshalb habe ich versucht, meine Kräfte über den gesamten Wettkampf zu kontrollieren, um beim Laufen am Ende noch einmal richtig aufzudrehen. Auch der Lauf war ziemlich hart, selbst wenn man das in den Bildern nicht unbedingt sieht. Ich war froh, als ich ins Ziel kam, denn langsam wurde es doch anstrengend.

Wann hatten Sie in diesem Finale das Gefühl, dass Ihnen der Titel nicht mehr zu nehmen war?

Nach der ersten Laufrunde dachte ich, dass ich sehr gut im Rennen liege. Ich musste nur wirklich auf meine Ernährung achten und an den Verpflegungsstellen alle Wasserflaschen mitnehmen. Ich habe einfach versucht, mein Tempo und meinen Einsatz zu kontrollieren. Ich wusste, dass ich für ein möglicherweise enges Finish bereit und gut gerüstet war, und das bereits nach einer einzigen Laufrunde.

Mit dem geringen Abstand zur Saison 2026: Ist Ihnen schon voll bewusst, wie außergewöhnlich diese Saison war?

Ja, und mir ist klar, dass ich nur schwer ein besseres Jahr als dieses haben werde. Ich habe 2026 eine makellose Saison hingelegt, und es erscheint mir schwierig, ein solches Leistungsniveau zweimal zu erreichen. Deshalb werde ich mir die Zeit nehmen, das zu genießen und zu begreifen, was ich geleistet habe. Danach werde ich weiter versuchen, meinen Weg so zu schreiben, wie ich es bisher getan habe. Ich weiß, dass es Enttäuschungen und schlechtere Momente geben wird, aber das gehört zum Spitzensport. Ich weiß auch, dass gerade solche Phasen uns manchmal ermöglichen, stärker zurückzukommen.

Wie erklären Sie Ihre Dominanz? Was haben Sie den anderen momentan voraus?

Selbstvertrauen. Im Kopf bin ich nicht mehr dieselbe Person. Ich kämpfe wirklich bis zum Schluss, weil ich weiß, dass in einem Triathlon unglaublich viel passieren kann. Früher dachte ich manchmal, das Rennen sei gelaufen, wenn der Anfang schlecht lief. Heute gibt es in mir einen Teil, der sagt: Es kann noch alles passieren. Solange ich die Ziellinie nicht überquert habe, ist es nicht vorbei.

Wie geht Ihr Jahr 2026 weiter?

Ich wollte meine Saison mit einem Höhepunkt beenden, und das ist gelungen. Meine Sportsaison ist vorbei. Jetzt stehen Urlaub und ein Konzert von Céline Dion an, für das ich auf wundersame Weise noch Karten bekommen habe.

Cassandre Beaugrand im Kurzporträt

Geboren am 23. Mai 1997 in Livry-Gargan

Verein: AS Monaco Triathlon

Palmarès:

  • Olympiasiegerin im Triathlon 2024

  • Zweifache Weltmeisterin 2024 und 2026

  • 14 Siege in der WTCS

  • Weltmeisterin im Sprint-Triathlon 2023

  • Dreifache französische Meisterin im Triathlon über die Kurzdistanz 2014, 2017 und 2018

  • Olympische Bronzemedaille in der Mixed-Staffel in Tokio 2020

  • Vierfache Weltmeisterin in der Mixed-Staffel 2018, 2019, 2020 und 2022

  • Dreifache Europameisterin in der Mixed-Staffel 2016, 2018 und 2022

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